Blog St. Vincenz

Nur ein Knochenbruch

Die Mutter von Louis und Vincent lässt uns an ihren Gedanken teilhaben, während sie mit Vincent in der Notaufnahme wartet.

Das Telefon klingelt. „Kita“ steht im Display. Nicht schon wieder, denke ich und nehme ab. „Louis müsste abgeholt werden, er ist vom Klettergerüst auf die Schulter gestürzt. Vielleicht sollten Sie das abklären lassen.“ Ich überlege, was zu tun ist. Erste Anlaufstelle Kinderarzt, denke ich und schaue auf die Uhr. Denn natürlich ist es Mittwoch. 13 Uhr. Ich versuche mein Glück. „Sie rufen außerhalb unserer Praxiszeiten an…“ Also erstmal in den Kindergarten und die Lage checken.

Als ich ankomme weint Louis immer noch. Das ist kein gutes Zeichen, eigentlich ist er hart im Nehmen. Ich lasse mir erklären was passiert ist und bin mir mit der Kita-Leiterin einig: das klingt nach Schlüsselbeinbruch. Also ab in die Chirurgische Notfall-Ambulanz ins Krankenhaus. An der Anmeldung frage ich vorsichtig „Ist es denn sehr voll?“ „Ziemlich“, nimmt mir die nette Krankenschwester alle Hoffnung. Der Wartebereich ist rappelvoll. Und eines haben alle gemeinsam, ein „langes Gesicht“.

Sie warte schon über drei Stunden, lässt mich eine nette Mutter wissen, die mit ihrem dreijährigen Sohn da ist. Auch er ist im Kindergarten gestürzt. Inzwischen spielt er vergnügt und macht einen fitten Eindruck. „Am liebsten würde ich wieder nach Hause gehen“, sagt sie. „Er wirkt ja fit. Aber jetzt sind wir einmal hier.“ Kann ich verstehen, würde ich ähnlich machen. Auch wenn ein vergnügtes Kind in der Notaufnahme „Warten“ bedeutet.

Inzwischen war die verantwortliche Krankenschwester bei uns. Sie hat Louis genau angeguckt, ein paar gezielte Handgriffe getätigt, Fragen gestellt und unsere Situation ersteingeschätzt. „Louis soll bitte nichts essen und nichts trinken“, lässt sie mich wissen. Nüchtern bleiben. Oh nein, denke ich. Bitte keine Operation. Trotzdem bin ich beruhigt. Ich weiß, die Mitarbeiter in der Ambulanz sind Vollprofis und sie hat uns nun im Blick. Louis hält tapfer sein Kühli ans Schlüsselbein, er hat sich längst beruhigt und spielt, soweit ihm das schmerzfrei möglich ist. Wir gucken Bücher, Fotos auf dem Handy und versuchen die Zeit so gut es geht zu überbrücken.

Es ist ein schlimmer Tag in der Notaufnahme. Ein Krankenwagen nach dem anderen fährt vor. Kinder werden auf Liegen an uns vorbei geschoben, das letzte sofort Richtung OP. Ärzte eilen mit schnellen Schritten an uns vorbei. „Lieber Gott, mach dass dieses Kind wieder richtig fit wird und steh den Eltern bei“, denke ich.  Die Uhr tickt, eine Stunde, Krankenwagen, noch eine Stunde. Die diensthabende Schwester tut mir leid. Einige Eltern sind wirklich unfreundlich zu ihr. Sie bekommt den kompletten Frust ab. Was kann sie dafür, dass es voll ist, denke ich. Wieder ein Krankenwagen. Das Kind von vorhin wurde notoperiert. Es kommt gerade aus dem OP. Ab auf die Intensivstation. Wir warten immer noch. Trotz des eindeutigen Verdachts auf Schlüsselbeinbruch geht es einfach nicht weiter. Wieder ein Kind, das sofort im OP verschwindet. Wir warten.

Doch obwohl sich für uns scheinbar nichts tut, hat sich mit jedem Krankenwagen, der vorfährt, etwas verändert: meine Perspektive. Mit jedem verunfallten Kind, das liegend an uns vorbei geschoben wird, werde ich dankbarer. Dankbar dafür, dass mein Kind trotz Unfall relativ vergnügt neben mir spielt. Dankbar dafür, dass nicht ich die Mutter bin, die in diesem Moment um das Leben ihres Kindes bangen muss.

Wieder ein Kind, das aus dem OP kommt.

Endlich geht es weiter. Der Junge vor uns wird aufgerufen. Und dann: „Louis, bitte.“ Endlich! Die Ärztin untersucht Louis und lässt sich erzählen, was passiert ist. Ab zum Röntgen. Schlüsselbeinbruch. Der Verdacht ist bestätigt. Zurück in den Wartebereich. Diesmal dauert es nicht mehr so unendlich lange, bis wir dran sind. Louis bekommt eine Rucksackbandage. Es ist ein glatter Bruch, er muss nicht operiert werden. Wieder überkommt mich unglaubliche Dankbarkeit.

Der Nachmittag in der Notfall-Ambulanz war nicht schön. Er war anstrengend, hat Nerven gekostet. Und trotz allem: Es war nur ein Knochenbruch. Was ist schon Wartezeit dagegen, dass ich mein Kind aufrecht gehend, mit nach Hause nehmen kann.



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Luca
10.01.2019
Schöne Darstellung

Interessanter Beitrag, schön geschrieben. In jeder Notaufnahme sieht es mittlerweile so aus, weil einfach jeder direkt dort hin geht, obwohl es kein Notfall ist. Und genau so ist, man sollte dankbar sein, wenn man nicht eine ganz so große Verletzung hat. Da ist es nur richtig, dass man sich natürlich um die problematischen Fälle zu erst kümmert. Klar ist warten nicht schön aber es lässt sich natürlich nicht immer vermeiden. Man muss sich die Zeit dann mit dem Handy vertreiben, jeder hat ja mittlerweile eins und Kinder beschäftigen sich schon irgendwie mit anderen. Ich selbst war jetzt noch nicht in der Ambulanz aber ich glaube es wäre für Wartende interessant zu wissen, wie lang sie ungefähr warten müssten, wenn man das abschätzen kann. Es reicht ja, wenn dies auf einem Monitor gezeigt werden würde, wie viele noch vor einem sind oder sowas. Keine Ahnung ob das überhaupt möglich ist oder sowieso schon existiert, weil ja jeder was anderes hat. Kam mir so spontan gerade in den Sinn, als ich das gelesen hab. Gibt nichts schlimmeres als warten zu müssen und man weiß nicht wie lang.

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