Blog St. Vincenz

Frauen- und Kinderklinik St. Louise in Ketten gelegt: Fliegerbombe gefunden – Größte Evakuierung der Geschichte

Zwei Mitarbeiterinnen der Frauen- und Kinderklinik St. Louise lassen uns in einem Nachbericht an ihren Erlebnissen am Tag der Evakuierung auf Grund der Bombentschärfung teilhaben.

Am Donnerstag, 29.03.2018 wurde im Bereich der Universität, am Peter-Hille-Weg, bei Bauarbeiten eine Fliegerbombe entdeckt. Die Medien waren voll damit. Es fühlte sich an, als ob es ein Aprilscherz sein sollte. Der 08.04.2018 war ausschlaggebend, und bis zu diesem Datum musste auch die Frauen- und Kinderklinik St. Louise evakuiert sein. Wie, wohin und wann war eine andere Frage. Viele Spekulationen und Gedanken begleiteten einen. Eine spannende und sehr aufregende Zeit begann, eine neue Herausforderung lag nur wenige Meter entfernt vor der Tür.

Die Osterwoche war mit täglichen Besprechungen gefüllt. Jeden Tag kamen neue Ideen hinzu, der Dienstplan wurde „gefühlt“ stündlich umgeschmissen, die Telefone der Kollegen liefen heiß. Jeder war gefragt, jeder fasste mit an. Die Aufregung stieg für jeden Mitarbeiter, der dieses Wochenende als Mammutaufgabe meistern musste. Patienten wurden bereits Tage vorher verlegt. Es wurde geschaut, welche Patienten bis zum Wochenende entlassen werden konnten oder welche doch mit umziehen mussten.

Am Freitag wurden Kartons gepackt für die Patienten, die in unsere „neue Bleibe“ nach Salzkotten verlegt wurden. Material, Medikamente, Wäsche, Betten, Elternbetten, Flaschenwärmer, Flaschen, Monitore, Infusomaten und so manche Kleinigkeit wurden vorsichtshalber mit verpackt.

Jedem war bewusst, dass es eine Ausnahmesituation war, die einen prägen und neue Erfahrungen mit sich bringen würde.

Was passiert mit den Patienten? Wo muss das Pflegepersonal arbeiten? Bis wann muss die Klinik geräumt sein? Wie erfolgen die Rücktransporte nach der Evakuierung? Was muss alles bedacht werden? Fragen über Fragen, die einem erst in einem solchen Augenblick bewusst werden.

Nach vielen Spekulationen, für wen wohl die Evakuierung der Kinderklinik festgelegt würde und einer aufregenden und sehr betriebsamen Osterwoche war die Ansage, dass die Frauen- und Kinderklinik St. Louise bis Samstag 15 Uhr vollständig geräumt sein musste.

Jeder hatte seine Aufgabe und seinen Dienst zugeteilt bekommen und wusste, wie und wann er sich um was zu kümmern hatte und vor allem, wo er vor Ort sein sollte. Am Samstag sollten die Verlegungen um 9:30 Uhr starten, um 10:45 Uhr waren noch alle Kinder vor Ort, da noch die Visiten und letzten Entlassungen liefen.

Dann ging es los.

Die Transporte standen vor der Tür, die ersten 15 Kinder wurden mit ihren Begleitpersonen und begleitenden Schwestern verlegt. Erste Patienten kamen in Begleitung der Kollegen in Salzkotten auf der Station 8 an. Station 8 ist normalerweise eine Station, die ambulante Operationen versorgt und 7 Zimmer umfasst.

Der Spätdienst wurde freundlich von unserer Teamleitung Frau Grobbel und dem Pflegedienstleiter Herrn Kamin empfangen: Ein großer vitaminreicher Obstkorb und Süßigkeiten standen im Aufenthaltsraum zur Stärkung bereit. Herr Göke war auch vor Ort und informierte sich über die aktuelle Situation. Die Patienten wurden den entsprechend vorbereiteten Zimmern zugewiesen. Dann erfolgte eine Stationseinweisung für das Pflegepersonal.

Zu Beginn gab es eine kleine Informationsweitergabe von Frau Grobbel und durch Herrn Kamin. Nebenbei kamen nach und nach weitere Patienten und begleitende Mitarbeiter im Haus an. Überall befanden sich Kartons. Die Zimmer und ein entsprechender Spritzenaufziehplatz waren klein, aber handlich, eingerichtet. Alle waren gespannt und ein Stück weit aufgeregt, wie wir wohl diese Tage erleben würden.

Vor Ort waren nun eine Schwester der K1 und K4, jeweils zwei Schwestern der K2 und der K3. Zwei unserer Kinderärzte standen vor Ort und ein Oberarzt im Hintergrund bereit.

Die Kinder wurden entsprechend der Stationen K1 – K4 eingeteilt und von den Schwestern übernommen. Es wurde Hand in Hand gearbeitet. Jeder war für den anderen da und unterstützte sich auf unterschiedliche Art und Weise, sei es Patienten zu versorgen oder Laufgänge zu anderen Stationen zu machen.

Am Nachmittag kam die Pflegedienstleitung Frau Jannewers zu Besuch, die sich mit der Teamleitung Frau Grobbel über verschiedene Dinge oder noch zu klärende Themen unterhielt. In der Zwischenzeit machten die Rettungsdienstler eine kleine Pause, waren sehr interessiert und hinterfragten die Station.

Wir hatten die Station 8 schon in K8 umbenannt, das K natürlich für „Kinder“. Der Rettungsdienst taufte uns auf das „Kommissariat 8“, das aus Paderborn ausgesiedelt wurde. Unsere Vorgesetzten waren stets vor Ort und sehr herzlich bemüht, es für die Patienten, deren Begleitpersonen und natürlich für uns so angenehm wie möglich zu machen.

Viele Stationen stellten sich vor, die Oberin Sr. Alfonsis besuchte uns mehrfach und fragte immer nach unserem Wohlbefinden.

Nach kurzer Eingewöhnungsphase hatten wir alle schnell einen Überblick. Fehlendes Material wurde aus der Kinderklinik oder von den Nachbarstationen geordert. Der Dienst nahm seinen Lauf. Die Atmosphäre war sehr gut, wir fühlten uns herzlich willkommen und super umsorgt.

Die freundlichen Worte und die Unterstützung der Salzkottener Kollegen waren bemerkenswert. Gegen 19 Uhr erschienen schon die ersten Kollegen, die den Nachtdienst übernehmen sollten.

Nachdem sich alle eingefunden hatten, versammelten wir uns kurz im Aufenthaltsraum, um Informationen weiter zu geben und zeigten die Stationen und das Haus.

Im Nachtdienst waren jeweils eine Schwester der K1, K2, K3 und K4. Die Schwester der K4 war tagsüber wie auch nachts für Notfälle im Kreißsaal zuständig. Geburten, die ja zu dieser Zeit nicht im Haus Louise stattfinden konnten, kamen nach Salzkotten in einen schönen Kreißsaal mit Atmosphäre. Die Hebammen aus Paderborn waren vor Ort, wie auch einige Schwestern der Gynäkologie, um die Salzkottener Kolleginnen zu unterstützen.

Nachts war eine Kinderärztin mit auf der K8 anwesend. Alle arbeiteten Hand in Hand und jeder konnte sich auf den anderen verlassen. Selbst am späten Samstagabend wurden die Kinderkrankenschwestern und die Kinderärztin durch die Oberin begrüßt und mit einem Essen für die Nacht verwöhnt.

Die Nacht verlief arbeitsreich, und die Besetzung war sehr froh, dass es zu keinem Notfall oder zu einer akuten Verschlechterung eines kleinen Patienten kam.

Trotz guter Planung und gut vorbereitetem Equipment wünschte sich niemand einen Notfall. Das frische Obst und die Süßigkeiten wurden auch vom Nachtdienst mit Begeisterung verzehrt.

Einige sehr nette Kolleginnen der Salzkottener Stationen kamen nachts, fragten nach dem Wohlergehen und boten Hilfe an. Es war eine ganz besondere Nacht.

Der nächste aufregende Tag begann. Schon auf dem Weg nach Salzkotten kamen einem unzählige Rettungs- und Krankenwagen in Kolonnen mit Blaulicht entgegen. Gänsehaut befiel einen und es wurde einem noch einmal der Ernst der Lage sehr deutlich.

Der Frühdienst begann, und wir wurden mit Obstsalat, der mit viel Liebe aus dem Obstkorb gezaubert wurde, begrüßt.

Der Nachtdienst berichtete von so manchen Eltern, die mit ihren kranken Kindern nachts das Salzkottener Krankenhaus aufgesucht hatten, was gar nicht so gedacht war, und dass viele Anrufe besorgter Eltern auf der K8 eingingen.

Nachdem wir unsere neue Schwester der K4 in die Station und die Gegebenheiten eingeführt hatten, versorgten wir im Teamwork die Patienten, verteilten Frühstück, machten Visite und genossen anschließend unsere gemeinsame Pause.

Um 8 Uhr klingelte schon das Telefon und Herr Kamin erkundigte sich nach der aktuellen Situation und wie die Nacht verlaufen war. Mittlerweile war die Sr. Alfonsis schon zu Besuch und versorgte die Kinderärzte und uns mit Frühstück. Auch der Oberarzt war schon da.
Herr Dr. Düllings war vor Ort, schaute nach dem Rechten und dankte uns für unseren Einsatz. Kurze Zeit später war Frau Grobbel auch wieder im Einsatz und brachte ein Radio mit, um alle auf den neuesten Stand über die Bombenentschärfung zu bringen.

Zwischenzeitig kam uns zu Ohren, dass die Frauen- und Kinderklinik ja sogar in Ketten gelegt sei und die Tür zum Hinterhof damit fest verriegelt wurde. Wir empfanden das als sehr spektakulär und wollten Beweise. Im späteren Verlauf besuchte uns eine Kollegin der Station K2, die mitfieberte und uns mit Eis versorgte - lecker. Eine kleine Abkühlung tat gut!

Wir waren in „Bombenstimmung“!!!

Zum späteren Zeitpunkt war unser Chefarzt Dr. Ebinger vor Ort, um sich ein Bild von der aktuellen Situation zu machen. Um 13 Uhr begann der Spätdienst. Wir empfingen die netten Kollegen herzlich, führten sie in die Station ein und gaben wichtige Informationen weiter.

Nebenbei informierte uns das Radio über die aktuelle Situation. Aufregung und gemischte Gefühle begleiteten uns die ganze Zeit über. Fragen über die Rücktransporte und die Aufhebung der Evakuierung standen im Raum und wie das Ganze wohl sein Ende nehmen wird.

Als um 17 Uhr die Bombenentschärfung glücklich verlaufen war, ging alles recht schnell. Die Rücktransporte standen vor der Tür und die Feuerwehr hatte uns einen Bus geschickt, der mit drei Kolleginnen der K2 und K3 sowie sechs Maxi Cosi und deren Müttern besetzt war. Selbst eine ältere Patientin aus Salzkotten war frohen Mutes und setzte sich in den Bus. In Paderborn angekommen fiel ihr auf, dass sie falsch war und eigentlich nach Salzkotten ins Krankenhaus gehörte. Vielleicht wollte auch sie einfach mal eine besondere Fahrt an diesem Tag erleben?


Unser zuständiger Oberarzt zeigte mit Beendigung der Bombenentschärfung vollen Einsatz. Um uns Beweisfotos präsentieren zu können, dass die Klinik in Ketten gelegt sei, fuhr er mit dem „Vincenz-Mobil“ in Windeseile über Schleichwege zur Klinik zurück, um Beweise zu sammeln.

All diese Erfahrungen, Eindrücke und Momente sind für uns so einmalig gewesen, dass wir uns entschieden haben, unsere Kollegen daran teilhaben zu lassen.

Es war ein aufregendes Wochenende, das durch viele Menschen geprägt wurde und bei denen wir uns auch auf diese Art und Weise herzlich bedanken möchten. Wir haben uns gut aufgehoben und umsorgt gefühlt und waren begeistert, wieviel Herzlichkeit uns entgegengebracht wurde.

 

Vielen lieben Dank!

 

Kathrin Bruns & Brunhilde Gellner

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