Blog St. Vincenz

„Mama sein, aber nicht Mama sein dürfen“

Der kleine Collin wog bei seiner Geburt nur 430 Gramm. Seine Mutter Carolin berichtet uns über ihre erste Zeit als „Frühchen-Mama“.

Mein Sohn Collin ist mein erstes Kind und kam in der 26 Schwangerschaftswoche zur Welt – 14 Wochen zu früh. Er war nur 26,5 Zentimeter groß und 430 Gramm leicht. Meine Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen. Ich war bei jeder Untersuchung, bei denen nichts auffällig war. „Alles sieht super aus“, hieß es immer.
Ich hatte mich vor oder während meiner Schwangerschaft nicht mit dem Thema „Frühgeburt“ auseinander gesetzt. Warum auch? Man denkt oft: Das passiert den anderen. Warum sollte bei mir und meinem Kind nicht alles glatt laufen?
Die letzte Untersuchung war dann einen Tag vor Collins Geburt. An diesem Tag war nichts mehr „super“: es wurde eine Plazentainsuffizienz festgestellt. Noch am selben Tag kam ich dann in die Frauen- und Kinderklinik St. Louise. In diesen Stunden hatte ich große Ängste. Ich dachte, nichts geht mehr und nichts wird je wieder gut werden. Viele Ärzte redeten mit mir, aber in diesem Moment habe ich nichts mehr aufgenommen. Ich habe zwar immer genickt, aber eigentlich funktionierte ich nur noch. Mein Baby musste so schnell es ging geholt werden.

Als ich meinen Sohn dann endlich das erste Mal sah, dachte ich: Wie soll aus einem so kleinen Würmchen ein „normales“ Baby werden? So klein, so dünn, so zerbrechlich. Für mich war das in dieser Situation unbegreiflich. Ich war eine frisch gebackene Mama, aber ich durfte in diesen Stunden keine Mama sein. Am Anfang fühlte es sich so an, als würde ich mein eigenes Kind im Stich lassen.
Nach etwa einer Woche konnte ich meinen Collin das erste Mal in meinen Armen halten. Einfach unbeschreiblich schön. Seine Atemgeräusche, das kleine Zucken von ihm, es war wundervoll. Es funktioniert doch! Glücksgefühle pur.

Über 100 Tage komme ich nun jeden Tag  auf die Station, um meinen Kleinen zu besuchen. Morgens ist Physiotherapie für ihn, danach wird gewickelt und gefüttert. Das Schönste ist aber: ganz viel Kuscheln! Das genieße ich natürlich am meisten. Mittlerweile ist er schon 2770 Gramm  schwer. Er reagiert auf Geräusche und schreit mit seinem „Zimmernachbarn“ um die Wette. Und wenn er jetzt auf Wickeln keine Lust hat, dann zeigt er es mir auch. Es ist überwältigend, seine Entwicklungsschritte zu sehen!
Ich werde hier super betreut und ich fühle mich gut aufgehoben. Die Zeit als Frühchen-Mama ist sehr anstrengend, da ich selbst kaum zur Ruhe komme. Es schlaucht sehr. Meine Gedanken drehen sich nur um Collin. Außerdem sehe ich hier in der Klinik so viele Mütter, die ihr Baby nach ein paar Tagen mit nach Hause nehmen können. Da fragt man sich schon: Wann ist es endlich bei uns soweit?

Ich sehne mich dem Tag entgegen, an dem ich meinen Sohn endlich mit nach Hause nehmen kann. Bis dahin muss Collin nur noch lernen, richtig aus seinem Fläschchen zu trinken. Dann kann er endlich  mit uns nach Hause kommen.

Ich kann anderen „Frühchen-Mamas“ nur mit auf den Weg geben: blickt mit Mut in die gemeinsame Zukunft. Versteckt eure Ängste und Sorgen nicht, sondern lasst euch beraten und vertraut auf die moderne Medizin. Ich bin mir bei unserer kleinen Familie sicher: wir haben schon so viel durchgemacht und geschafft. Wir werden alles schaffen.


Hintergrundinformationen:


Was ist eine Plazentainsuffizienz?

Von einer Plazentainsuffizienz wird gesprochen, wenn eine mangelnde Funktion des Mutterkuchens vorliegt. Das ungeborene Kind wird zu wenig mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt. Die werdende Mutter nimmt dabei nur selten Symptome wahr.

Ab wie vielen Wochen spricht man von einer Frühgeburt?

Von einer Frühgeburt wird gesprochen, wenn Neugeborene vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen. In der Regel wiegen „Frühchen“ unter 2500 Gramm. Darüber hinaus wird zwischen „sehr kleinen Frühgeborenen“ und „extrem kleinen Frühgeborenen“ differenziert. Wiegen Babys weniger als 1500 Gramm und werden sie vor Vollendung der 32. Schwangerschaftswoche geboren, spricht man von sehr kleinen Frühgeborenen. Extrem kleine Frühchen wiegen weniger als 1000 Gramm und werden vor Vollendung der 28. Schwangerschaftswoche geboren.

Wie viele Frühchen gibt es jährlich in der Frauen- und Kinderklinik St. Louise?

Die Geburtshilfeabteilung des St. Vincenz-Krankenhauses Paderborn gehört zu den erfahrensten Kliniken in NRW. Auch im Jahr 2017 kamen hier über 2.000 Kinder zur Welt. Darunter wurden 50 Frühgeborene unter 1.500 Gramm im letzten Jahr versorgt, 39 Kinder wogen bei ihrer Geburt unter 1.250 Gramm.

Wie hat sich die Versorgung von Frühgeborenen in den letzten Jahren entwickelt?

In den letzten zehn Jahren wurde die Einheit von Mutter und Kind immer weiter in den Vordergrund gestellt. Besonderer Fokus liegt auf einer entwicklungsfördernder Pflege und familienzentrierter Betreuung. Damit soll die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kind von Beginn an gefördert werden. Bereits im Kreißsaal findet ein Erstkontakt zwischen Eltern und Frühgeborenem statt. Auf der Frühgeborenenstation werden frühzeitiger kontaktiler, akustischer, sensomotorischer Kontakt zwischen dem noch unreifen Kind und den Eltern hergestellt. So kommt beispielsweise das „Känguruhen“ zum Einsatz. Das Kind wird dabei auf die Brust von Mutter oder Vater gelegt. So kann es den Hautkontakt spüren und den Herzschlag der Mutter hören. Zunehmend progressiv gab es zudem ein Umdenken bei der Versorgung von Frühgeborenen mit Muttermilch: heutzutage wird bereits die erste Frühmuttermilch den Frühgeborenen verabreicht und Wert auf Ernährung mit Muttermilch sowie Stillförderung gelegt. Außerdem werden Eltern „fit“ für die gemeinsame Zukunft nach der Zeit in der Klinik gemacht. Ein interdisziplinäres Team hilft den Familien dabei, mit ihrer neuen Situation umzugehen, stärkt sie in ihrer Eigenständigkeit und gibt Hilfestellungen beim Übergang vom teils langen Aufenthalt in der Kinderklinik auf dem beginnenden Weg als Familie zuhause.

Weitere Infos finden Interessierte unter: www.st-louise.de/familiennachsorge

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