Blog St. Vincenz

Wie die Arbeit als Rennarzt im internationalen Motorsport den Patienten vor Ort zu Gute kommt

Dr. Philipp Wagner, Facharzt für Unfallchirurgie und Orthopädie, ist als Arzt im internationalen Motorsport dabei.

Ich arbeite in der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie - an einigen Wochenenden im Jahr in meiner Freizeit aber auch in einem Team aus insgesamt zwei Ärzten und sechs Rettungsassistenten, einem „Extrication Team“, bei internationalen Motorsportveranstaltungen. Dort gewährleisten wir die Sicherheit der Fahrer. Zuletzt zum Beispiel am 14. und 15. März bei Trainingstagen in der Motorsport Arena Oschersleben. Hier wurden mein Team und ich außerdem wieder für den DMSB (Deutscher Motorsportbund) zertifiziert.

Bevor ich Mitglied bei den X3-Medics wurde, hatte ich ehrlich gesagt kaum etwas mit Rennsport zu tun. Die Begeisterung lässt sich jedoch nicht leugnen, da man anders als die Zuschauer „mittendrin“ und nicht nur „dabei“ ist: Das Einsatzfahrzeug ist direkt an der Rennstrecke, quasi hinter der Leitplanke stationiert, so dass man neben dem Motorensound und dem Quietschen der Reifen auch die Flammen aus dem Auspuff sehen, das Benzin und das Gummi riechen kann. Es ist beeindruckend wie nah die Fahrer an der Grenze des physikalisch Möglichen, fast nur noch auf zwei Rädern, eine Kurve durchfahren oder wenn sie ins Schleudern geraten, das Fahrzeug oftmals wieder unter Kontrolle bringen können.

Aus unfallchirurgischer Sicht ist die Besonderheit eines solchen Rennwochenendes auch die Tatsache, dass man den Unfallhergang sehen kann. Im Rettungsdienst trifft man als Notarzt erst an der Unfallstelle ein, wenn bereits Alles passiert ist. Wenn man sich jedoch nur 50 Meter entfernt von einer Kollision befindet und die „Kaltverformung“ der Fahrzeuge quasi hautnah miterleben (und hören) kann, so bekommt man doch eine ganz andere Vorstellung und Sichtweise von den bei einem Unfall wirkenden Kräften und den möglichen daraus resultierenden Verletzungsfolgen. Um Missverständnissen vorzubeugen, ich spreche hier nicht von der Sensationsgier, sondern rein vom fachlichen Interesse, denn zum Glück passiert den Fahrern bei den allermeisten Unfällen aufgrund der strengen  Sicherheitsvorkehrungen nichts. Sie klettern oft nach dem Stillstand des Fahrzeuges aus diesem heraus, treten wütend gegen die Felge und trotten hinter die Absperrungen.

Prinzipiell unterscheidet sich die Versorgung verunfallter Rennfahrer nicht von denen eines Verkehrsunfalls auf einer öffentlichen Straße. Bei der Sicherstellung der Vitalfunktionen, wie Atmung und Kreislauf, gelten die gleichen Grundsätze. Auf der Rennstrecke handelt es sich aber im Gegensatz zu „normalen“ Verkehrsunfällen immer um sogenannte „Hochrasanztraumata“, also eine große Krafteinwirkung auf den Fahrer durch den Unfall bei hoher Geschwindigkeit. Besonders oft führen diese Unfälle daher zu einer Verletzung der Wirbelsäule. Auch innere Organe können aufgrund der hohen Verzögerung bei einem Aufprall betroffen sein. Ziel muss es also sein, den Rennfahrer möglichst zügig, jedoch schonend und, um weitere Schäden zu vermeiden, vor allem unter Protektion der Wirbelsäule aus dem Fahrzeug zu retten.

Des Weiteren haben sowohl Fahrer als auch Fahrzeug rennsportspezifische Besonderheiten: Der Fahrer ist neben einem 6-Punkt-Gurt und seinem Helm mit einem HANS-System (Head and Neck Support), einer Art Schulter- Nacken- Korsett, geschützt. Das Fahrzeug ist zudem mit einer Sicherheitszelle ausgestattet, einer Metallkonstruktion aus stabilen Rohren, welche im Fahrerraum zusätzlichen Schutz bietet.

Alle diese Vorrichtungen schützen den Fahrer zusätzlich, stellen die Retter jedoch vor besondere Probleme: Wo die Feuerwehr bei einem verunglückten PKW einfach das Dach entfernen kann, um ausreichend Platz für den Zugang zum Patienten zu schaffen, ist dies bei der stabilen Sicherheitszelle im Rennwagen nicht möglich. Der Zugang zum Fahrer bleibt extrem eingeschränkt. Für die Versorgung des Patienten muss, analog zum Motorradfahrer, der Helm und beim Rennfahrer zusätzlich das HANS um den Hals herum vorsichtig abgenommen werden und dies in den extrem engen Platzverhältnissen eines Rennwagens.

Ein weiterer Vorteil, wenn man zum medizinischen Personal auf einer Rennstrecke gehört, ist der „Access to all Areas“, also der Zugang zur Boxengasse oder zum Fahrerlager. Hier kann man die Rennboliden aus nächster Nähe betrachten oder mit dem Team und den Fahrern sprechen.

In Oschersleben haben wir auch die Zertifizierung unseres Teams wieder geschafft. Wir trainierten (schweißtreibend) den ganzen Tag in feuerfestem Overall mit Helm und Handschuhen, um letztendlich die Prüfung erfolgreich zu absolvieren. Eingebunden in die Großübung „Explosion in Boxengasse, 12 verletzte Personen“ konnten die X3-Medics anschließend ihr Können realitätsnah unter Beweis stellen. Bei dieser Übung arbeiteten sämtliche Rettungskräfte Hand in Hand. Beteiligt waren neben der Feuerwehr auch Rettungs- und Krankenwagen sowie Rettungsassistenten und Notärzte. Im Rennsport haben diese zum Teil zwar andere, meist englische  Bezeichnungen, es gibt jedoch keinen Unterscheid zur Vorgehensweise und dem Ablauf bei einem „normalen“ Massenunfall im richtigen Leben. Wie bereits erwähnt unterscheidet sich die Versorgung eines Verletzten im Rennwagen zwar ebenfalls in einigen Punkten, die trainierten Abläufe, Prinzipien und Fertigkeiten kommen jedoch auch dem „alltäglich“ Verunfallten in und um Paderborn zugute.


Hintergrund:
Das aus einem Arzt und 5 Rettungsassistenten bestehende „Extrication Team“ hat die Aufgabe bei einem Unfall dem Fahrer… 1) die Halswirbelsäule manuell zu stabilisieren, dabei ohne eine Kopfbewegung 2) den Helm und anschließend 3) das HANS zu entfernen, 4) eine Cervicalstütze (Halskorsett) an zu legen, 5) die komplette Wirbelsäule mit einem KED- System (Rettungskorsett) vollkommen zu immobilisieren, 6) daran den Kopf zu fixieren, 7) Beine und Arme zu sichern und 8) den Fahrer aus dem Fahrzeug auf ein „Spineboard“ zu retten und für den Transport schließlich 9) auf eine Vakuummatratze umzulagern. Die Zeitvorgabe für diese Prozedur beträgt allerdings bei geschlossenen Fahrzeugen (Tourenwagen, GT1, GT3, Ralley…) lediglich 7 Minuten, bei den oben offenen Formelfahrzeugen 6 Minuten!
Die „X3- Medics“ (http://x3medics.com), das „Extrication Team“ mit Dr. Wagner ist von Anfang an vom DMSB zertifiziert und kann auf eine lange Historie nationaler und internationaler Einsätze zurückblicken. Das Team wurde im vergangenen Jahr unter Anderem bei den ADAC GT Masters am Sachsenring oder der Tourenwagenweltmeisterschaft in Salzburg eingesetzt. Weitere Veranstaltungen in der Vergangenheit waren zum Beispiel der Porsche Cup, die deutsche Motorradmeisterschaft oder das „Red Bull Airrace“ am Lausitzring.

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