Blog St. Vincenz

Neugeborenenzimmer versus 24 Stunden Rooming-In

Rosmarie Werbeck, Stillberaterin, darüber, warum die ständige Nähe zur Mutter so wichtig ist für das Neugeborene

Als ich vor etlichen Jahren selbst Mutter wurde, war noch sehr vieles anders als heute... Früher war es üblich, Mutter und Kind ca. 2 Stunden nach der Geburt zu trennen. Das Neugeborene wurde im „Kinderzimmer“ untergebracht, die frisch gebackene Mutter bekam auf der Entbindungsstation ein Zimmer. In den ersten Lebensstunden der Kinder wurden diese von Kinderkrankenschwestern gewickelt, beobachtet, hochgenommen, wenn sie spuckten, es wurde ihnen Tee und etwas Zuckerwasser gefüttert. Erst am nächsten Morgen wurden sie dann zur Mutter gebracht. Diese konnte nun stillen, wenn es ihr gelang. Es gab wenig Hilfe dabei, so blieb es dann oft jeweils dem Mutter/Kind-Paar überlassen, ob es klappte oder nicht.

Vor dem Anlegen waren die Kleinen gewogen worden. Nach etwa einer Stunde „sammelte“ man die Kinder wieder ein und wog sie erneut. Hatten sie „genug“ getrunken, war es gut (maßgebend war Lebenstag mal 10, also am 3. Lebenstag 30 Gramm pro Stillmahlzeit). Wenn das nicht der Fall war, (und es war sehr oft der Fall, denn selten trinken die neugeborenen Kinder in den ersten zwei Tagen messbare Mengen), wurde die fehlende Menge mit Formula-Nahrung nachgefüttert. Alle vier Stunden wurden die Kinder wieder gewickelt, gewogen, zu den Müttern gebracht, gestillt, wieder ins „Kinderzimmer“ zurückgebracht, gewogen, nachgefüttert. Und so weiter. Die „Fütterung“ der Kinder folgte einem strengen Zeitplan. Wenn die Brüste zu voll waren, wurde elektrisch gepumpt.

Auf diese Art und Weise war es vielen Müttern nicht möglich, genug Milch zu bilden. Denn wir wissen heute, dass die Nachfrage des Kindes das Angebot der Milch regelt. Das bedeutet: je öfter ein Baby an der Brust trinkt, desto mehr Milch wird gebildet. Eine Mutter, die gleich nach der Geburt stillt und dann häufig das Kind anlegt, hat in der Regel schon am zweiten Tag sehr viel mehr Milch als gleich nach der Geburt und ihr Baby nimmt nicht mehr ab. Aus diesem Grund sind Mutter und Kind heute bei uns auf der Geburtshilflichen Station Tag und Nacht zusammen.

Das 24 Stunden Rooming-In

Durch den "Kontakt rund um die Uhr", dem sogenannten 24 Stunden Rooming-In, lernt die Mutter ihr Kind und seine Verhaltensweisen schnell besser kennen. Sie beobachtet, wenn es wach wird, achtet auf alle feinen kleinen Zeichen, die das Baby sendet und legt es rechtzeitig an. Dabei helfen wir ihr gern jederzeit, sodass Mutter und Kind erfolgreiche Stillmahlzeiten erleben können. Auf diese Weise bleiben auch die Brustwarzen intakt, eine leichte Reizung ist in den ersten Tagen normal, man kann sie mit Muttermilch und Luft sehr gut behandeln, bei Bedarf hilft auch eine Salbe.

Es ist nicht nur das Stillen, das durch den engen Kontakt zwischen Mutter und Kind einfacher geworden ist. Auch die Bindung ist intensiver, die Kinder weinen weniger, sind entspannter, ebenso  ihre Mütter. Ich weiß noch, wie ich mich nach meinem Baby sehnte, das ich doch gerade zur Welt gebracht hatte und das im „Kinderzimmer“ warten musste, bis die 4 Stunden herum waren. Man hielt leider die Mütter damals nicht für kompetent genug, um sich selbst um das Neugeborene zu kümmern. Heute weiß man, dass man beide – Mutter und Kind, die ja neun Monate symbiotisch miteinander verbunden waren – nicht trennen sollte. Es sei denn, das Baby benötigt intensive medizinische Behandlung. Auch dann ist es wichtig, dass sich die Mütter und Väter oft mit dem Kind auf der Kinderstation beschäftigen, nackten Hautkontakt mit ihm haben, es streicheln und berühren. Das Kind spürt und genießt ganz bestimmt die wohltuende Nähe der Eltern.

Das 24 Stunden Rooming-In, wie es auf unserer integrativen Wochenbettstation üblich ist, ermöglicht den Kindern den besten Start in ihr Leben, einen gelungenen Stillbeginn und den jungen Eltern die Möglichkeit, ihr Baby schneller kennenzulernen.

„Schade“, werden jetzt vielleicht die Älteren von Ihnen sagen, „schade, dass wir damals nicht solche Möglichkeiten hatten.“ Ja, das ist es, doch heute gönnen wir den ganz Kleinen diesen schönen Start in den Armen der Eltern und die ständige Nähe, die die Babys doch kennen, weil sie etwa 40 Wochen der Mutter so nah waren. Und die sie als selbstverständlich voraussetzen, denn diese Nähe, die Geborgenheit sichert ihr Überleben, physisch und auch psychisch.


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