Blog St. Vincenz

Monatsimpuls

Von Sr. M. Katharina Mock, Generaloberin der Vincentinerinnen

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

wenn Sie diese Zeilen lesen, hat der letzte Monat des Jahres 2019 begonnen. Der Monat Dezember ist in all seinen Festen und Feiern ausgerichtet auf das Weihnachtsfest.
Viele Zeitgenossen wissen nicht mehr warum wir Weihnachten feiern. Für sie stehen das Verteilen von Geschenken und das Weihnachtsessen im Vordergrund, schön und dem Sinn des Festes nahekommend ist es, wenn zu diesem Fest die Familien zusammenkommen und miteinander feiern.

In einem fiktiven Brief von Kaspar an Melchior habe ich vor einigen Jahren versucht, mich auf eine etwas andere Weise, dem Weihnachtsgeheimnis zu nähern.

Diesen Brief möchte ich Ihnen in diesem Monat als Impuls anbieten, dass er vielleicht auch Ihnen dabei hilft, sich von neuem dem, was Weihnachten für uns Menschen bedeutet, näherzukommen.

Ich wünsche Ihnen und allen mit denen Sie Weihnachten feiern, ein frohes und gesegnetes Fest.


Ihre
Schwester M. Katharina

Ein Brief von Kaspar an Melchior

Es war einmal... So beginnen fast alle Märchen, doch Du lieber Melchior und ich und auch Balthasar, der inzwischen am Ziel seiner Sehnsüchte angekommen ist, wissen, dass das, was wir gemeinsam erleben durften kein Märchen ist. Trotzdem möchte ich meinen heutigen Brief an Dich so beginnen. Es waren einmal drei gelehrte Männer unterschiedlicher Herkunft, aber alle drei mit tiefen Sehnsüchten.
Da war Balthasar ein Mann im Greisenalter, er hatte die Höhen und Tiefen des Lebens durchlebt und seine tiefste Sehnsucht war die Ruhe. Und eines Tages sah dieser Balthasar einen Stern aufgehen einen ganz neuen Stern und verband mit diesem Stern die Erfüllung seiner Grundsehnsucht. So machte er sich auf den Weg, dem Stern nachzugehen. Er wurde wieder ganz unruhig, weil er den finden wollte, der ihm Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit gab.
Ein anderer Gelehrter, ein Mann mit schwarzer Hautfarbe, sah ebenfalls diesen neuen Stern aufgehen. Dieser Mann warst Du. Du warst damals schon viel in der Welt herumgekommen und hattest viel Verachtung und Unrecht erlebt aufgrund Deines Aussehens. Du machtest Dich damals auf den Weg, um den zu finden, der Dich annahm, wie Du bist: „schwarz und schön“.
Und der dritte Gelehrte war ich, Kaspar. Auch mir war die Welt nicht unbekannt geblieben. Ich hatte viele Länder bereist, Menschen und Kulturen studiert und mir war dabei aufgefallen, dass alle Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung und Alters, Zwängen unterliegen, die sie lähmen, die sie phantasielos werden lassen und alle Bewegung verhindern. Und durch das Studium dieser Menschen wurde mir bewusst, dass auch ich Zwängen unterliege, die meine Freiheit einengen, die mir Phantasie und Kreativität vertreiben, die mich traurig machen und mich lähmen. So erwachte in mir eine große Sehnsucht nach Freiheit. Als auch ich eines Tages diesen neuen Stern am Himmel sah, da wusste ich, dieser Stern war das Zeichen, das mir bestimmt war, das Zeichen, dass unter diesem Stern die Freiheit zu finden war. Die Freiheit, nach der ich mich in Sehnsucht verzehrte.  Aber ich wusste auch, dass ich die Freiheit nicht finden würde, ohne mich auf den Weg zu machen, um dem Stern, der Freiheit verhieß, zu folgen.
Wir waren drei Gelehrte, die sich auf den Weg machten zu diesem Stern. Obwohl wir drei das gleiche Ziel hatten, war die erste Strecke des Weges für jeden von uns einsam.
Immer von neuem fasziniert mich daher die Erinnerung, wie wir mit unseren unterschiedlichen Grundsehnsüchten, uns als Weggefährten fanden zum gemeinsamen Ziel.
Wir waren uns auf dem Weg schon in mehreren Herbergen begegnet, und doch interesselos aneinander vorbeigegangen. In einer stürmischen Nacht, in der keiner von uns recht zur Ruhe kommen konnte, war es dann Balthasar, der den ersten Schritt tat. Du warst ihm durch Deine Hautfarbe aufgefallen und er fragte Dich nach woher und wohin Deines Weges. Zunächst hieltest Du Dich ziemlich bedeckt, was Dein Ziel anging. Doch als Balthasar erzählte, was ihn auf den Weg gebracht hatte, da glaubte ich fast, Du würdest ihn vor lauter Freude erdrücken, weil Du in ihm einen Weggefährten gefunden hattest. Ich hatte ungewollt Eurem Gespräch gelauscht und als ihr begannt Pläne zu schmieden für die gemeinsame Fortsetzung Eurer Reise, da konnte auch ich nicht länger mit meinem Geheimnis und meiner Sehnsucht an mich halten und bat darum, in Eure Weggemeinschaft aufgenommen zu werden. So begann unser gemeinsamer Weg. Ein Weg auf der Suche nach Ruhe, Angenommensein und Freiheit. Viele Hindernisse haben unseren Weg schwergemacht und oftmals waren wir uns selber im Weg. Schlimm und unheimlich habe ich die Tage in Erinnerung, als uns der Stern nicht mehr schien. Vergessen hätten wir da fast unsere Sehnsüchte. Heute weiß ich, dass es für den Menschen beinahe nichts Lebensgefährlicheres gibt, als wenn er seine Sehnsucht verliert.
Wir holten uns in Jerusalem Rat. Einige Weise Männer sagten uns, wir sollten nach Betlehem gehen in den Heiligen Schriften ihrer Väter hätten sie gelesen, dass dort einer geboren werden sollte, der unsere Sehnsüchte erfüllen kann.
Wir folgten dem Rat und fanden auch unseren Stern wieder, der heller und leuchtender war, als je zuvor und auch unsere Sehnsüchte waren stärker denn je. Wir wussten, dass wir fast am Ziel unserer Suche waren und dennoch wussten wir nicht, was für ein Ziel am Ende dieser Suche stand.
Als der Stern stehen blieb, konnten wir es nicht glauben, dass dieser erbärmliche Stall das Ziel unserer langen und beschwerlichen Reise sein sollte. Ein Ziel, an dem Balthasar Ruhe, Du Angenommensein und ich Freiheit finden sollten.
Der Stall war düster und nur ganz hinten brannte klein und verzagt das Licht einer Kerze. Als wir nähertraten, fanden wir dann das ärmliche Ehepaar mit ihrem neugeborenen Kind. Ich glaube, dass wir uns in diesem Augenblick alle fragten, ob denn die das Ziel unseres unendlich langen und zermürbenden Weges sein könne. Ein ärmlicher Stall und darin ein nicht weniger ärmlich erscheinendes Ehepaar mit einem Neugeborenen. Und doch ging von diesem Kind, es war ein Knabe, etwas Besonderes aus, so etwas, wie ein Leuchten.
Unser Freund Balthasar war wieder einmal der Erste, der diese Situation erfasste. Er beugte sein Knie und neigte sein greises Haupt vor diesem unschuldigen, wehrlosen Kind. Er hatte Myrrhe mitgebracht, die er an’s Fußende der Krippe legte, denn dort hinein war das Kind gebettet. Myrrhe, von der er wusste, dass sie eine große Heilkraft besaß. Das Kind in der Krippe schenkte ihm dafür ein Lächeln, in dem eine Wärme und Geborgenheit lag, die Balthasar ganz ruhig werden ließ. Danach legten auch wir unsere Gaben nieder. Du hattest Weihrauch mitgebracht, mit dem Du Deine Ehrfurcht vor jedwedem menschlichen Leben zum Ausdruck bringen wolltest, die Ehrfurcht, die Du für Dich selbst ersehntest. Und auch Dir schenkte das Kind sein Lächeln. Ein unendlich wohlwollendes Lächeln, dass Dir sagte, Du bist angenommen, angenommen so wie Du bist: „schwarz und schön“. Als letzter legte auch ich meine Gabe nieder. Eine Handvoll Gold, wusste ich doch, dass für mich, das größte Gut, die Freiheit mit noch so viel Gold nicht zu erkaufen war. Und auch mir schenkte der Knabe ein Lächeln, das mich freimachte, dass mich von allen Zwängen in mir und mich herum befreite.

Balthasar unser Freund, hat inzwischen seine ewige Ruhe gefunden, die ihm zu gönnen ist.
Du und ich wir sind verbunden durch das Lächeln des Knaben, dass uns die Erfüllung unserer Sehnsucht schenkte und durch einen gemeinsamen Weg, auf dem wir Gefahren zu bestehen hatten und der uns viel Beharrlichkeit abverlangte. Du und ich wir sind immer noch auf diesem Weg. Der Stern, der vielen nicht sichtbar ist, leuchtet uns auch heute noch und sagt uns: „vergesst niemals Eure Sehnsucht“.

Ich musste Dir diese Erinnerungen heute schreiben lieber Melchior, denn ich fühle, dass auch mein Weg bald seinem ewigen Ziel entgegengeht. Und ich freue mich auf den Knaben, der mich dann mit seinem Lächeln empfängt in einer niemals endenden Freiheit. Auch freue ich mich auf das Wiedersehen mit Balthasar. In dieser Freude grüße ich Dich lieber Melchior und wünsche Dir, dass Gott Dich behüte auf Deinem Weg, an dessen Ende auch für Dich ein ewiges Angenommensein wartet. Shalom.
Dein treuer Weggefährte Kaspar.

(Schwester M. Katharina Mock 1995)

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