Blog St. Vincenz

Monatsimpuls September - ursprünglich gerichtet an unsere Mitarbeiter

Von Sr. M. Katharina Mock, Generaloberin der Vincentinerinnen

Sehr geehrte, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

in den beginnenden Herbst hinein, sende ich Ihnen herzliche Grüße.


Seit einigen Jahren treffen sich die Schwestern unserer Gemeinschaft, die ihre Ausbildungszeit in Ostdeutschland gemacht haben, wieder regelmäßig einmal im Jahr zu einem Einkehrwochenende im ehemaligen Noviziatshaus in Heiligenstadt. Dieses Haus liegt in der Heiligenstädter Altstadt, wo es viele sehenswerte gut erhaltene alte Fachwerkhäuser gibt.


Bei einem solchen Aufenthalt ist mir ein Haus in ganz besonderer Weise ins Auge gefallen, weil die Eigentümer an der Außenfassade folgenden Spruch anbringen ließen:

„Erst betrachte deins, dann besprich meins.“

Im Volksmund kennen wir die Aussage, man soll zuerst vor der eigenen Haustür kehren.

Wie weit verbreitet es ist, über die Angelegenheiten anderer zu sprechen und die eigenen Belange aus dem Auge zu verlieren, zeigt die noch nicht lange zurückliegende Berichterstattung über den Rücktritt des Nationalspielers Mesut Özil aus der Deutschen Fußballnationalmannschaft inklusive der öffentlichen Schlammschlacht, die sich daraus entwickelt hat. Am Ende der ganzen Diskussion hatte fast jeder Lobbyist irgendeinen sachlichen oder unsachlichen Beitrag zur Thematik zu leisten, ohne dass diese Beiträge auch nur ansatzweise dazu geführt haben, eine vorurteilsfreie und vor allen Dingen menschenwürdige Aufarbeitung der Geschehnisse zu bewirken. 

Dass wir Menschen immer wieder Gefahr laufen, erst die Fehler und Schwächen anderer aufzuzählen um von unseren eigenen Grenzen abzulenken, davon weiß auch die Bibel zu berichten.
In der Bergpredigt Mt 7,1 hören wir Jesus sagen: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet…
Warum siehst Du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht.“

Die Deutsche Fußballnationalmannschaft ist in der Vorrunde der Fußballweltmeisterschaft in diesem Jahr nicht deshalb ausgeschieden, weil zwei Nationalmannschaftsmitglieder im Vorfeld dieses Ereignisses einen fragwürdigen politischen Auftritt hatten, sondern weil die ganze Mannschaft nie zu einer wirklichen Mannschaftsleistung gefunden hat, so wie dies im Jahr 2014 ihre große Stärke war. Letztlich hat dieser Mannschaftszusammenhalt dann auch den Weltmeistertitel gerechtfertigt.

Am Erfolg und Misserfolg auch eines Unternehmens ist nicht nur der Vorstand oder die Geschäftsführung beteiligt, sondern alle, die darin arbeiten.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es auch in Organisationen wie einem Krankenhaus gewisse Interessenvertretungen gibt, die genau wissen, was andere Berufsgruppen besser machen müssen, denen aber der Blick für ihren eigenen Beitrag am Großen und Ganzen fehlt. Dann heißt es: Ja dies oder jenes müsste die Geschäftsführung, müssten die Chefärzte, müsste die IT-Abteilung, müsste die Pflegedirektion oder andere tun, dann könnte alles besser sein.

Mit Blick auf den Spruch am Haus in Heiligenstadt:

„Erst betrachte deins, dann besprich meins.“
könnte die Überlegung für den Monat September sein, erst darauf zu schauen, was jeder in seinem kleinen überschaubaren Bereich für einen Beitrag leisten kann, damit die Mannschaftsleistung des gesamten St. Vincenz-Krankenhauses weltmeisterlich sein kann. Und dann kann an der ein oder anderen Stelle auch gerechtfertigte Kritik in sachlicher Weise vorgebracht werden.
Denn Kritisierte merken sehr schnell, ob Kritik nur um der Kritik willen vorgebracht wird, ggf. auch um von eigenen Schwächen abzulenken, oder ob Kritik eine aufbauende Funktion hat.
Auch das ist eine Realität: Fachkraft ist jede/jeder nur in ihrem/seinem ureigensten Bereich. Hier kann jeder danach suchen, was verbesserungsfähig und verbesserungswürdig ist.
Ich denke der Hausbesitzer in Heiligenstadt hat den vorbeigehenden Passanten einen guten Rat mit auf den Weg gegeben: „Erst betrachte deins, dann besprich meins.“

Dieser Spruch im konkreten Alltag angewendet, kann eine Dienstgemeinschaft wirklich zur Gemeinschaft werden lassen. Dass Ihnen dies gelingen möge wünscht Ihnen von ganzem Herzen

Ihre Schwester M. Katharina

 

 

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