Blog St. Vincenz

Die zweizeitigen Zwillinge an ihrem zweiten Geburtstag - So geht es Liv, June und ihren Eltern heute

Die Zwillingseltern Sophia Smith (28) und Pierre Reinhardt (36) im Interview

"Wir werden nie vergessen, wie Kinderarzt Dr. Beckers ca. eine Dreiviertelstunde nach Junes Geburt in den Kreißsaal kam und beide Daumen nach oben streckte. Da wussten wir: Sie ist eine kleine Kämpferin und kann es schaffen.“ – Wenn Sophia Smith (28) und Pierre Reinhardt (36) an den 6. März vor zwei Jahren zurückdenken, kommt ihnen sofort diese Szene in den Sinn. Für unser Interview kehren sie an den Ort zurück, an dem sie vor zwei Jahren begann: die ungewöhnliche Geburtsgeschichte der Zwillinge June und Liv.

Nachdem Sophia Smith in Schwangerschaftswoche 23 mit einem vorzeitigen Blasensprung in die Frauen- und Kinderklinik St. Louise in Paderborn aufgenommen wurde, stand schnell fest: Die Geburt ist nicht mehr aufzuhalten. Nach dem Motto „Jeder Tag im Bauch der Mutter ist kostbar“ versuchten die Ärzte, die Schwangerschaft zu verlängern – zumindest für eines der beiden Mädchen. Die Hoffnung: Bleibt der zweite Zwilling in seiner Fruchtblase und lässt sich die Wehentätigkeit aufhalten, steigt seine Überlebenschance.
Solche sogenannten „zweizeitigen Geburten“ können erfolgreich sein. Aber sie sind sehr selten. Vier Tage vergingen von der Aufnahme bis zur Entbindung – Zeit, in der Gynäkologin Christine Schmücker und
Kinderarzt Dr. Björn Beckers (siehe Interview unten) die werdenden Eltern auf alles, was passieren kann, vorbereiteten.
Hirnschädigungen, motorische Spastiken, Blind- und Taubheit, geistige und neurologische Behinderungen sind bei Frühchen keine Seltenheit – sofern sie überleben. „Der ehrliche Umgang mit den Eltern ist unser Aufnahmeversprechen: Niemand soll das Gefühl haben, es werde ihm etwas verheimlicht, um ihn zu schonen. Die Fakten kommen auf den Tisch, so hart sie manchmal sind“, sagt Dr. Beckers. Die meisten Frühcheneltern wühlen diese Informationen völlig auf – verständlicherweise. Sophia Smith, als Arzthelferin in einer Gynäkologenpraxis mit solchen Situationen eher vertraut, konnte alles fachlich einordnen – trotz ihrer persönlichen Betroffenheit. „Wir haben einfach funktioniert. Was sollten wir sonst tun?“, fragt die junge Mutter. „Die Geburt war wie eine Aufgabe, der ich mich stellen musste. Niemand wusste, wie es den Mädchen gehen wird. Alles war Spekulation.“ Die Ärzte beeindruckt diese Haltung noch heute: „Das Paar war in dieser belastenden Situation eine feste Einheit mit gemeinsamer Marschrichtung“, so Schmücker.
17 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin kam June zur Welt – ein halbes Kilo schwer, an der Grenze zur Lebensfähigkeit. Doch June zeigte schon in den ersten Stunden ihres kleinen Lebens einen starken Überlebenswillen. Sie atmete eigenständig. „In den ersten drei Wochen ging es ihr erstaunlich gut“, erinnert sich Dr. Beckers, „erst dann wurde es kurzzeitig kritisch.“ Zu den Sorgen um sie kam die Angst um ihre noch ungeborene Schwester. Was passiert mit Liv?
Die blieb im Bauch. Denn nach Junes Geburt geschah das, was Ärzte und Eltern gehofft hatten: Der Muttermund schloss sich wieder, die Wehen wurden schwächer, Liv lag sicher in der Fruchtblase. Erst 38 Tage später kam auch sie zur Welt. Die Wochen zwischen den zwei Geburten verbrachte Sophia Smith in der Frauenklinik. Jetzt war sie Mama eines Frühchens und gleichzeitig noch schwanger – eine skurille Situation. „Als Sophia wieder aufstehen konnte und June selbst gefüttert und gehalten hat, hat uns das unheimlich viel gegeben“, sagt Pierre,
der während dieser Phase seine Arbeitszeit reduziert hat, um für seine „drei Mädels“ da zu sein. Sie wurden Teil des Teams, die Station ihr zweites Zuhause. Freundschaften entstanden. Nur zum engsten Familienkreis hielten sie Kontakt. „Immer wenn die Tür aufging, sah ich das Mitleid in den Gesichtern. Ich konnte es kaum ertragen. Uns ging es doch ganz gut!“, sagt Sophia.
Zwei Tage nach dem errechneten Geburtstermin Ende Juni konnte die Familie nach Hause. Liv hätte schon früher entlassen werden können, aber die Eltern hatten einen großen Wunsch: beide Kinder am gleichen Tag mitzunehmen. Die erste Zeit zu Hause war anstrengend. June musste noch mit Sauerstoff versorgt werden, eine Kinderkrankenschwester kam regelmäßig vorbei. Außerdem bekam sie Physiotherapie – zwei Jahre lang. Doch es ging bergauf. Alle Werte, die bei der Frühchennachsorge und den Vorsorgeuntersuchungen auffällig waren, glichen sich an. Heute, zwei Jahre später, sind die Mädchen gesund und so entwickelt wie Gleichaltrige. Es sind aufgeweckte Zwillinge, deren besondere Verbindung man deutlich spürt. Sie laufen sicher, plappern wie ein Wasserfall und haben gerade ihren Geburtstag gefeiert. Aber wie und wann eigentlich? „June und Liv sind an unterschiedlichen Tagen geboren, also feiern sie auch an unterschiedlichen Tagen. Alles andere wäre doch komisch“, sagen ihre Eltern Sophia und Pierre. Vergessen werden sie die Geschehnisse wohl nie. „Ich vergleiche es immer mit einer Achterbahnfahrt. Sie fährt jetzt zwar langsamer, aber gestoppt hat sie noch nicht“, so Pierre Reinhardt.

INTERVIEW mit Christine Schmücker und Dr. Björn Beckers

„Wir sind sehr stolz darauf, dass es beiden so gut geht“

Mit welchem Befund wurde Sophia Smith am 2.3.15 in die Frauenklinik St. Louise aufgenommen?
Schmücker: Sie hatte einen vorzeitigen Blasensprung in Schwangerschaftswoche 23+0. Der Gebärmutterhals war leicht verkürzt, der Muttermund noch geschlossen und die Kinder wogen beide ca. 500 Gramm. Das war unsere Ausgangslage. Wir sind von der Gesellschaft für Geburtshilfe dazu angehalten, bei 24+0 die Maximaltherapie für das Leben des Kindes durchzuführen. In diesem Fall befanden wir uns in einer Grauzone.

Wie ging es dann weiter?
Schmücker: Wir haben die Eltern in vielen Gesprächen auf alle Möglichkeiten vorbereitet. Nur weil man etwas theoretisch kann, ist es nicht immer sinnvoll. Also haben wir gemeinsam abgewägt: Was können wir erreichen und wie fit ist ein Kind, das man mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ins Leben holt? Gleichzeitig haben wir versucht, Ruhe in die Situation zu reinzubekommen und der Natur ihren Lauf gelassen. Es wurden keine Wehenhemmer eingesetzt, nur Antibiotika, um die Infektion in den Griff zu bekommen. Vier Tage lang hat das funktioniert, dann wurde June bei 23+4 geboren.

Was passierte nach Junes Geburt?
Schmücker: Wir mussten damit rechnen, dass nun auch Liv auf die Welt kommt, das zweite Geburtshilfe-Team stand schon bereit. Doch dann schloss sich der Muttermund. Sophia bekam zwei Wochen lang Wehenhemmer. Liv wurde aber erst in Woche 30 geboren.
Beckers: Kinder, die so früh wie June geboren werden, sind an der Grenze zur Lebensfähigkeit – das Gehirn ist ebenso wenig ausgereift wie die Lungen und Verdauungsorgane. Voll entwickelt ist in diesem Stadium nur das Herz. Die ersten drei Wochen sind dennoch richtig gut verlaufen, doch dann gab es ernste Komplikationen, June musste beatmet werden. In dieser Zeit hatten wir tatsächlich die Sorge, dass sie versterben könnte.
Doch dann bekamen wir die lebensbedrohliche Situation allmählich in den Griff und June stabilisierte sich. Zusammen mit den guten ersten Lebenswochen war das auch der Grund dafür, warum es den beiden heute so gut geht und sie so sind, wie sie sind: lebhaft und fröhlich und eben nicht behindert. Liv – in SSW 30 geboren und damit ja auch ein Frühchen – wurde nichtinvasiv beatmet, bekam Infusionen und lag monitorüberwacht im Inkubator.

Was hat noch dazu beigetragen, dass beide Mädchen keine gesundheitlichen Langzeitfolgen haben?
Beckers: Man muss als Klinikteam dazu bereit sein, es sich selbst unbequem zu machen. Natürlich wäre es einfacher gewesen, beide mit dem ersten Blasensprung kommen zu lassen und dann maximal auf der Frühchen-
Intensivstation zu versorgen. Das zeichnet unser Team aus, auch mal Dinge abzuwarten und dann mit viel Motivation umzusetzen.
Schmücker: Zweizeitige Geburten werden sicherlich öfter mal versucht, aber sie sind selten so erfolgreich. Wenn das zweite Kind lange im Mutterleib bleibt, das erste aber stirbt, ist das ja nur der halbe Erfolg. Dass es June
und Liv heute so gut geht, macht uns unheimlich stolz.

Erschienen in: Babywelt (Ausgabe Frühling 2017)
Text | Nele Bruns    Foto | Thorsten Scherz

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