Blog St. Vincenz

"Bei manchen Kindern sieht man, dass sie ins Leben wollen"

Dr. Björn Beckers über seine Arbeit als Oberarzt auf der Frühgeborenen-Intensivstation

Auf unserer Frühgeborenen-Intensivstation behandeln wir jährlich über 500 kleine Patienten. Da wir die einzige Station dieser Art im ganzen Kreis Paderborn haben, sind wir für ein großes Gebiet zuständig. Rein statistisch sind ungefähr 10% aller Geburten Frühgeburten. Und die kommen aus dem gesamten Kreisgebiet alle zu uns. Man spricht von  „Frühchen“, wenn die Kinder vor der 38. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen. Oft kommt in unserem Beruf die Frage auf, ab welcher Woche man Kindern eine Maximaltherapie (alles medizinisch Mögliche) zukommen lässt. In Deutschland ist es unstrittig, dass man Kinder, die ab der 25. Woche geboren werden (also 24+0) mit einer Maximaltherapie behandelt, weil man dann sehr gute Chancen hat, ihnen zu helfen. In der Woche davor ist es eher ein Graubereich, in dem es sehr viel abzuwägen gilt. Viele Kliniken behandeln auch dann schon grundsätzlich. Manche sogar noch davor. Dies ist aber wirklich ein Grenzbereich, weil man von einer hohen Sterblichkeit ausgehen muss. 90% der Kinder in diesem Grenz- und Graubereich schaffen es nicht zu überleben oder nur mit schweren Behinderungen. Da muss man sehr intensiv mit den Eltern sprechen, um eine Entscheidung treffen zu können.

Dieser Entschluss ist unsagbar schwer für Eltern, wir als Ärzte müssen die endgültige Entscheidung treffen. Ich versuche aber, die Eltern im Rahmen ihrer Möglichkeiten so weit, wie es eben geht, ins Boot zu holen, denn sie müssen sie mittragen. Ich bin dabei auch sehr froh, dass ich hier von Klinikleitung und Ordensschwestern den Rückhalt habe, nach einem ethisch vernünftigen und christlichen Leitbild zu agieren. Wir kümmern uns um jedes Leben und tun alles uns Mögliche, aber eben nicht um jeden Preis. Es ist immer eine sehr individuelle Entscheidung. Oft sieht man einfach, dass diese Kinder ins Leben wollen, und manchmal eben auch, dass es ethisch richtiger erscheint, sie gehen zu lassen.

Trotzdem ist der Beruf Kinderarzt ein schöner Beruf, ein sehr schöner sogar. Denn auch wenn es die traurigen Erlebnisse gibt, kann ich mir keinen anderen medizinischen Bereich vorstellen, in dem man so viele Erfolge und überwiegend positive Erfahrungen hat. Die allermeisten Patienten verlassen uns gesund und munter. Das ist in anderen Krankenhaus-Bereichen bei Erwachsenen nicht so. Auf unserer Frühgeborenen-Intensivstation haben wir oft sehr intensive Beziehungen zu Kindern und Eltern. Kinder, die in der 25. Schwangerschaftswoche geboren werden, könnten ohne medizinische Hilfe nicht überleben. Sie bleiben drei bis vier Monate bei uns. Man sieht dann, wie sie von vielleicht 700g Geburtsgewicht bis zu 2.500g Entlassungsgewicht wachsen. In anderen Bereichen der Kinderklinik bleiben die Patienten ja oft nur ein oder zwei Nächte. Sie kommen zum Beispiel mit einem Magen-Darm-Infekt, können gut und schnell behandelt werden. Dann dürfen sie wieder nach Hause.

Manche Eltern, die mit ihren Kindern auf unserer Station waren, halten lange den Kontakt zu uns. Wir haben unten im Haus das SPZ, das Sozialpädiatrische Zentrum, wo es noch eine Weile regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen gibt. Manche besuchen uns auch nach einiger Zeit nochmal ganz unvermittelt. Das ist natürlich immer für alle hier ganz toll, weil man sieht, dass sich die Kinder gut entwickeln, und die Familien glücklich zusammen sind.

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